Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort „Ameisen“ lesen? Die schwarzen kleinen fleissigen, immer etwas mit sich herumschleppenden Insekten? Oder die noch kleineren roten Ameisen, die „beissen“? Faszinieren sie Sie? Oder ekeln Sie sich vor Ihnen? Oder beides?
Viele Menschen reagieren nicht neutral auf das Wort Ameise, unter anderem, da es ein Insekt ist.
Letzthin begegneten mir ein paar Ameisen dort, wo sie definitiv nicht hingehören: in der Küche meiner Praxis. Fast jedes Jahr kriegen wir Ameisenbesuch und offenbar ist es dieses Jahr nicht anders. Wenn Sie jetzt meinen, ich hätte die Ameisen totgeschlagen, dann irren Sie sich. Das tue ich nicht!
Aber zugegeben, einen Ameisenköder stelle ich auf. Ich weiss, nicht konsequent. Aber ich bin eben ein Mensch und die sind manchmal inkonsequent.
Im Vergleich zu mir ist die Ameise ganz klein und ich bin riesengross. Aber habe ich deswegen mehr Rechte als die Ameise? Ameisen gab es lange vor uns Menschen hier auf der Erde. Und sie sind hochgradig organisierte Wesen, auch wenn sie klein sind.
Was für ein Recht habe ich Ameisen zu töten? Oder Mücken oder Fliegen oder was immer kleiner ist als ich?
Und ja, tatsächlich, sehr zum Amüsement (manchmal auch Ärger) meiner Umgebung töte ich keine Mücken, ich fange sie ein und bringe sie nach draussen.
Ich bitte auch niemand anderes, sie für mich zu töten. (Aber ich benutze einen Insektenschutzspray, um nicht als Blutbank attraktiv zu sein.)
Im Vergleich zu mir ist ein Elefant ein grosses Tier. Er könnte mich, ohne sich gross anzustrengen, platt machen, da genügt schon ein Aufstampfen. Und wenn ich mich unvorsichtig verhalte und den Elefanten ärgere, dann kann das durchaus geschehen. Er verteidigt sich eben. Aber sonst, wenn er sich nicht bedroht fühlt, lässt mich der Elefant in Ruhe.
(Das gilt natürlich nicht für alle grossen Tiere, ein hungriger Bär würde mich wahrscheinlich nicht in Ruhe lassen.)
So gesehen sind wir Menschen auf der Erde mittelgross. Vom Weltall aus gesehen sind wir noch viel kleiner als die Ameise. Wir sind nicht mal Punkte auf der Erde, wenn man weit genug weg ist. Und wenn man noch weiter weggeht, dann ist sogar die Erde nicht mehr sichtbar, so klein ist sie. Das Weltall ist gross und wir ganz klein.
Auch wenn wir klein sind, so sind wir Teil des Universums, des Kosmos, des grossen Ganzen. Das kann beängstigend und beruhigend zugleich sein, je nachdem, wie ich es anschaue. Beängstigend, wenn ich das Gefühl habe, so klein zu sein, dass ich unbedeutend bin und allenfalls Spielball sein könnte von etwas viel Grösserem und Mächtigerem, das mich vielleicht nicht mal wahrnimmt.
Beruhigend, wenn ich mich eingebettet sehe im grossen Ganzen. Es ist eine Frage der Relationen und des Blickwinkels, ob die Grösse des Kosmos mir Angst macht oder nicht.
Für mich ist es tröstlich, mich als Teil, als Kind des Kosmos zu sehen. Das muss für Sie überhaupt nicht so sein.
Auch wenn Ameisen nicht zu meinen Lieblingstieren gehören und ich mich nicht eingehend mit ihnen befasst habe, so faszinieren sie mich doch, diese perfekten kleinen Geschöpfe. Ich könnte nie etwas so Ausgeklügeltes erschaffen wie eine Ameise. Das geht weit über menschliches Vermögen hinaus. Auch Roboter sind ein müder Abklatsch von dem, was die Natur hervorgebracht hat. Über diese Vielfalt und Buntheit staune ich immer wieder.
Jedes Lebewesen ist ein grosses Wunder und Teil des Ganzen, sowohl im Ökosystem Erde als auch im Kosmos. Wir somit auch.
Vielleicht mögen Sie sich Gedanken darüber machen, was die Vorstellung der Grösse des Universums in Ihnen auslöst und warum. Und wenn nicht: geniessen Sie einfach den Tag!