Weshalb stehen Sie am Morgen auf? Was macht es für Sie wert, aufzustehen? Worin finden Sie Sinn und Erfüllung? Einfache Fragen, die manchmal nicht so einfach zu beantworten sind.

Im Verlauf der Jahre bin ich einigen Menschen begegnet, die gesagt haben, sie würden jetzt, nach ihrer Pensionierung keine Verpflichtung mehr eingehen. Sie hätten genug Aufgaben gehabt, genug gearbeitet, und möchten jetzt frei sein und nichts mehr Festes abmachen oder sich festlegen in ihrem Leben.

Erstaunlicherweise (oder auch nicht), es waren fast ausschliesslich Männer. Das gibt mir zu denken. Was hat das Leben und das Berufsleben mit diesen Menschen gemacht, dass sie vor jeglicher Verpflichtung zurückscheuen?

Sie wollen keine regelmässigen Aufgaben mehr erfüllen. Auch ein Hund oder ein Garten wäre ihnen «zu viel». Aber sind alle Aufgaben schlecht? Oder aufgezwungen? Ein Muss? Gibt es denn nicht auch Aufgaben, die man haben möchte, die Freude machen und Erfüllung bringen?

Die äussere Lebenssituation dieser Menschen ist unterschiedlich, zum Teil sind sie verheiratet, zum Teil in Beziehung, zum Teil alleinstehend, zum Teil mit Erwachsenen Kindern, zum Teil ohne. Daran kann es also nicht liegen.

Das wäre ja so gesehen vielleicht nicht mal ein Thema wert, wenn ich denn den Eindruck hätte, dass diese Menschen glücklich wären. Das ist aber kein einziger von ihnen! Auch wenn es ihnen vielleicht nicht so klar ist, langweilen sie sich. So werden sie unzufrieden, nörglerisch, krank oder bauen mental ab. Und darin kann ich keine positive Entwicklung sehen.

Aus meiner Sicht fehlt diesen Menschen etwas Zentrales, nämlich ein Lebens – Sinn. Menschen sind Sinn-suchende Wesen, ein Sinn hilft uns psychisch und körperlich gesund zu bleiben. Das zeigte sich unter anderem bei Holocaust-Überlebenden: diejenigen, die irgendeinen Sinn in dem Grauen, das ihnen und anderen widerfuhr, finden konnten, waren psychisch stabiler und gesünder.

Worin wir Sinn erleben, kann sehr individuell sein. Ob das nun eine handwerkliche Tätigkeit ist, die verfeinert wird, ob es ist, eine neue Sprache und ein neues Land kennen zu lernen, eine neue Sportart zu lernen, Mahlzeiten für Senioren oder Blumen auszufahren, Enkelkinder zu hüten oder andere Kinder zu bespassen, gemeinsam zu kochen oder in einer Wandergruppe dabei zu sein, künstlerisch aktiv zu sein, das alles und viel mehr kann sinnstiftend sein, je nachdem, wie die Interessen sind. Aber irgendetwas braucht der Mensch, wir brauchen Aufgaben.

Als Nebenbemerkung: diejenigen, die (auch) nach der Pensionierung etwas gefunden haben, das sie erfüllt, sind zufriedener und fröhlicher, auch wenn für sie die Umstellung vom Arbeitsleben ins Pensioniertendasein nicht immer einfach war. Das gilt sowohl für Männer wie Frauen.

Natürlich frage ich mich dann auch, wie sieht es denn bei mir aus, wo finde ich meinen Sinn? Klar, ich bin noch im Berufsleben und mein Beruf ist für mich sehr sinnstiftend.

Es gibt Menschen, die sich etwas davon versprechen, zu mir in die Sprechstunde zu kommen. Einige freuen sich auch, andere, das erlebte ich letzthin, fürchten sich regelrecht davor, und haben manchmal den Mut, mir das zu sagen. Lustigerweise war das jemand, der mich kannte, vielleicht war das der Grund?

Meine Direktheit kann durchaus unbequem sein…

Abgesehen von der Arbeit habe ich viele Interessen, wertvolle soziale Kontakte und Vieles, das ich noch ausprobieren möchte. Ich denke und hoffe, dass das auch nach meiner Pensionierung irgendwann auch noch der Fall sein wird.

Das Schöne und Schwierige zugleich mit Sinnfindung ist, dass es etwas ist, was jeder Mensch selbst machen muss. Ich kann niemand anderem einen Sinn «vermitteln» in dem was er tut oder ihm eine «sinnvolle Aufgabe geben». Denn die Tätigkeit mag für mich sinnvoll sein, für ihn oder sie ist sie das vielleicht nicht. Zudem kann sich der Sinn des Lebens durchaus auch verändern. Wenn (noch kleine) Kinder da sind, ist der Sinn naturgegeben, man will und muss und darf sich um sie kümmern.

Wenn ich meine betagten Freundinnen anschaue, dann ist ihr Lebenssinn oft im Pflegen von ihren Beziehungen, ob hier oder im Ausland. Und dazu, möglichst fit und beweglich zu bleiben. Hört sich nach nicht viel an? Vielleicht, aber das ist durchaus eine würdige Aufgabe, alt werden ist nichts für Feiglinge, und zufrieden alt werden ist eine Kunst.

Wenn Sie mögen, dann können Sie sich mal überlegen, was Ihnen Sinn gibt, was Sie erfüllt und worauf Sie sich jeweils freuen, wofür es sich lohnt, am Morgen aufzustehen. Und dann könnten Sie es auch mit jemandem besprechen.

Das kann ein wertvoller Austausch sein!