Ein schwieriges Thema
Kennen Sie jemanden, der sich das Leben genommen hat? Oder Angehörige von jemandem, die Selbstmord begangen hat? Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Ihre Antwort ja ist, denn es sterben ca. 1000 Menschen pro Jahr durch Suizid in der Schweiz.
Diese Blog handelt von einem Thema, das belastend sein kann. Es ist in Ihrer Verantwortung, wenn Sie weiterlesen. Es ist ein Irrtum, dass man fertig lesen muss, wenn man mal angefangen hat!
In meinem Umfeld gibt es einen Mann, mittlerweile etwas älter, dessen Vater sich umgebracht hat. Eine alte Dame, die ich sehr schätze, hat mir erzählt, dass sie ihm ins Gesicht gesagt habe, dass er an diesem Tod schuld sei. Danach war verständlicherweise ihre Beziehung getrübt. Das ist nun einige Jahre her, und wie sie merken, geht mir das nicht aus dem Sinn. Denn es ist so falsch! Über die Beziehung von Mann zu seinem Vater weiss ich gar nichts. Darum geht es auch nicht. Es geht um Schuldzuweisungen bei Suizid.
Ja, es gibt Menschen, die anderen Menschen, das Leben schwer, ja sogar zur Hölle auf Erden machen. Natürlich ist das schlimm. Trotzdem: den Entscheid, sich das Leben zu nehmen, trifft jemand selbst. Kann sein, dass er oder sie keinen anderen Ausweg sah. Oder zu gebrochen war, um Hilfe zu suchen. Aber: ich bleibe dabei, es war ihr oder sein eigener Entscheid.
Der angeborene Überlebenstrieb ist unglaublich stark. Es ist in unserem biologischen Bauplan nicht vorgesehen, dass wir uns selbst das Leben nehmen. Deswegen braucht es meist einen langen Weg, bis jemand dort angelangt ist. Sogar wenn der Selbstmord im Affekt geschieht, gibt es eine vorangegangene Geschichte. Die mag ersichtlich sein oder nicht, es gibt sie. Das gilt selbstverständlich auch für Suizid mit einer Sterbehilfe-Organisation. Auch der hat eine lange Vorgeschichte mit viel Abwägen und hin und her Überlegen, oft auch Diskutieren. Einfach so, leichtfertig, bringt sich niemand um.
Es gibt auch Selbstmorde, die keine sind. Wenn jemand versehentlich eine Überdosis einnimmt oder spritzt, da er nicht wusste, dass der erstandene Stoff so stark ist, dann ist es eine unbeabsichtigte Selbsttötung. Auch das ist tragisch und kommt leider immer wieder vor.
Ich habe schon früh in der Ausbildung gelernt, dass man jemanden, der sich unbedingt umbringen will, nicht daran hindern kann. Sie können ihn einsperren, können sie mehr oder weniger dauernd überwachen oder mit Medikamenten ruhig stellen, die Person findet immer einen Weg, wenn Suizid für ihn oder sie das Ziel ist.
Selbstmord ist Gewalt. Gewalt gegen sich selbst, aber, mindestens so gravierend, Gewalt gegen die Hinterbliebenen. Es bleiben fast immer Fragen der Schuld und Verunsicherung, warum und ob man etwas hätte verhindern können oder anders machen müssen.
Besonders schlimm finde ich es, wenn sich Menschen im Umfeld von Kindern umbringen. Denn Kinder haben grundsätzlich die Tendenz, alles auf sich zu beziehen, so auch die Schuld für einen Selbstmord.
Sie denken schnell: „Offenbar war ich nicht genug. Ich war nicht liebenswert genug. Ich war es ihm oder ihr nicht wert, zu leben.“
Diese, objektiv gesehen, völlig unberechtigten Schuldgefühle begleiten sie oft ein Leben lang, poppen immer wieder mal auf. Als hinterbliebene Menschen können wir nichts mehr tun, es wurde uns aus der Hand genommen. Manchmal gibt es immerhin einen liebevollen und entlastenden Abschiedsbrief, oft jedoch nicht.
Weshalb ich diesen Blog schreibe? Weil ich mir für die Betroffenen wünsche, dass sie alle, wirklich alle, einsehen, dass sie in letzter Konsequenz keine Schuld tragen. Es war der Lebensweg dieses Menschen, warum auch immer. Ja, das ist oft sehr traurig, dass er oder sie keinen anderen Ausweg sah, sich nicht helfen liess, vielleicht auch schwer krank war. Aber es ist nicht unsere Schuld.
Falls Sie zu denen gehören, die mit Schuldgefühlen wegen eines Selbstmord in Ihrem Umfeld leben, dann habe ich einen Tipp: Schreiben Sie der verstorbenen Person einen Brief, frei von der Leber weg, ohne Zensur, schreiben Sie, was immer Sie sagen wollten, über Ihre Wut, dass er oder sie nicht mehr da ist, und über Ihre Trauer. Und schreiben Sie auch einen Satz wie: „Auch wenn ich nicht alles richtig gemacht habe, ich trage keine Schuld an Deinem Tod. Den hast Du selbst gewählt und mir/uns damit grossen Schmerz verursacht. Der Schmerz wird weniger werden. Das ist tröstlich. Ich werde mir immer bewusst sein, dass ich keine Schuld habe an Deinem Entscheid.“
Wenn Sie diesen Brief geschrieben haben, dann machen Sie ein kleines Ritual, machen Sie ein Feuer und verbrennen ihn, das kann auch in Ihrem Kamin zu Hause sein. Oder gehen Sie in die Natur, reissen Sie ihn in kleine Stücke, verbrennen Sie diese, werfen Sie sie in den Rhein oder einen anderen Fluss, oder vergraben Sie sie an einem passenden Ort im Wald. Damit ist die Sache mit der vermeintlichen Schuld am Selbstmord für Sie erledigt. Vielleicht können Sie jetzt auch unbeschwerter trauern.
Ich hoffe, dass ich Ihnen mit diesem Blog eine Hilfestellung geben konnte im Umgang mit Selbstmord. Es ist nicht einfach. Und nun schlage ich Ihnen vor, dass Sie jetzt, nach dem Lesen, etwas machen, das Ihnen gut tut. Gehen Sie spazieren, trinken Sie einen Kaffee auf dem Balkon oder tanzen Sie 10 Minuten zu Ihrer Lieblingsmusik in der Wohnung. Einfach etwas, um das schwere Thema abzuschütteln.