Haben Sie schon einmal eine Trennung erlebt?

Wenn Sie jetzt mit „Nein“ antworten dann haben wir mehrere Möglichkeiten: entweder Sie haben die Frage nicht verstanden; oder Sie haben ein ernsthaftes Problem mit dem Gedächtnis; oder Sie sagen nicht die Wahrheit. Denn: das Leben besteht unter anderem auch aus Trennungen.

Für viele Menschen ist das ein schwieriges Thema, mit Schmerz verbunden, mit Trauer, Wut oder Frustration, mit Zweifel und noch viel mehr. Trennung bedeutet ja auch Veränderung und das bringt Unsicherheit mit sich. Etwas, dass kaum jemand mag.

Dabei kann Trennung ja auch spannend sein: wenn ich zum ersten Mal in die Schule gehe, bin ich nicht mehr Kindergartenkind, ich bin ein Schulkind! Ich trenne mich von meiner Identität als Kindergartenkind und trete in eine neue Welt ein, die ich noch gar nicht kenne.
Oder wenn ich Vater oder Mutter werde: Damit trete ich in eine neue, völlig unbekannte und manchmal einschüchternde neue Realität ein, habe eine ganz neue Rolle. Nichts ist so wie es früher war und wird es nie mehr werden.

Das ist auch so bei einer Trennung in einer Beziehung oder wenn jemand stirbt: es wird nie mehr, wie es war. Und gleichzeitig ist es der Beginn von etwas Neuem. Vielleicht etwas, das ich so gar nicht wollte, das kann schon sein, trotzdem: etwas Neues hat angefangen. Hermann Hesse [*1877, †1962] hat das wunderbar in seinem Gedicht „Stufen“ (1941) ausgedrückt:

[…]Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und uns hilft, zu leben.[…]

Wie so oft liegt es an mir, wie ich etwas betrachte: kann ich den Zauber im Neubeginn wahrnehmen? Oder klammere ich mich verzweifelt an dem fest, was einmal war und nie mehr so wird?

Zudem können wir durchaus mehrere unterschiedliche Gefühle gleichzeitig haben! Selbstverständlich kann ich eine Trennung bedauern oder richtig traurig sein darüber und mich gleichzeitig auf das Neue, das vor mir liegt, freuen und neugierig sein. Ich kann mich ärgern und hadern über unabänderliche Tatsachen, wie dass jemand gestorben ist und mich allein zurückgelassen hat, und mich gleichzeitig für den verstorbenen Menschen freuen, dass er nicht mehr leiden muss, und erleichtert sein, dass die anstrengende Zeit am Sterbebett vorüber ist.

Wir sind multidimensionale Wesen. Das macht es nicht immer einfacher, aber definitiv reicher. Immer vorausgesetzt, dass wir die unterschiedlichen Gefühle zulassen.

Trennungen sind wichtige Ereignisse im Leben, wir können daran wachsen, uns selbst besser kennenlernen. Und das wiederum ist spannend, da es lebendig ist.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen, dass Sie die nächste Trennung und was danach kommt aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten können. Dadurch würde Ihr Leben reicher, bunter, vielfältiger und vielleicht manchmal auch etwas leichter.