Ist schon mal jemand gestorben, der oder die Ihnen besonders wichtig war? Je älter Sie, liebe Leserin, lieber Leser sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass Ihnen das passiert ist. Der Tod gehört zum Leben, eine banale Tatsache, die wir gerne verdrängen. Bis eben jemand im näheren oder gar nächsten Umfeld stirbt.
Da ich schon etwas älter bin, habe ich auch schon liebe Menschen „verloren“, sie sind gestorben. Beruflich habe ich natürlich oft damit zu tun. Sei das, dass jemand sehr krank oder sehr alt ist und das Sterben absehbar ist, sei es, dass ich Angehörige von schwer kranken Menschen begleite, oder aber auch Menschen zu mir kommen, die um jemanden trauern, die oder der schon verstorben ist.
Trauern ist eine individuelle Sache, Menschen machen das sehr unterschiedlich. Man spricht bekanntlich vom „Trauerjahr“, die minimale Zeit, die zum Trauern benötigt wird. In diesem Jahr begeht man alle Feiertage und Festtage zum ersten Mal ohne den geliebten Menschen. Dieses Jahr bewusst zu erleben, ist wichtig. Trauer „wegzudrücken“ und ihr keinen Raum zu lassen, empfiehlt sich nicht, irgendwann, und sei es Jahre später, wird sie einen höchstwahrscheinlich einholen. Und es ist auch nicht so, dass nach dem Trauerjahr alles „wieder gut“ ist und das Leben normal weiter geht. Es kann so sein, aber oft braucht das Trauern länger. Das ist auch völlig in Ordnung. Ein Problem wird es erst dann, wenn jemand sich nur noch als trauernde Person sieht, wenn das die neue Identität geworden ist. Dann bleibt sie stehen und ist vom Lebensfluss abgeschnitten.
Es gibt Situationen, die den Hinterbliebenen besonders zu schaffen machen. Das sind zum Beispiel Selbstmorde, die die Angehörigen und Freunde oft ratlos und auch wütend und verzweifelt zurück lassen. Dann sogenannte „sinnlose“ Todesfälle, wenn jemand an einem Unfall verstirbt. Und besonders schwierig wird es, wenn die Generationenfolge nicht eingehalten wird, wenn zum Beispiel ein Kind vor den Eltern stirbt. Ob das Kind noch ungeboren, klein oder schon erwachsen ist, für die Eltern (und u.U. auch für die Grosseltern) ist das ein harter Schlag. Mitunter vielleicht der schlimmste Schicksalsschlag, der einen treffen kann.
Die Frage nach dem „warum?“ kommt immer wieder auf. Eine definitive Antwort gibt es darauf wohl kaum. Religiöse Menschen finden manchmal Trost in der Überzeugung, dass es Gottes Wille war. Manchmal auch nicht.
Hier ist eine Sichtweise, die für mich hilfreich ist in diesem Zusammenhang: Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Seele den Zeitpunkt wählt, in welchem sie das Erdenleben verlässt und in die Seelenwelt zurück kehrt, dann können wir auch davon ausgehen, dass sie einen Grund hat, gerade diesen Zeitpunkt zu wählen. Vielleicht hat das weniger mit dieser Seele selbst zu tun und mehr mit den Hinterbliebenen. Vielleicht will sie ihnen einen Schubs auf den Weg geben, sich weiter zu entwickeln? Mehr Liebe zu erfahren, mehr Unterstützung, mehr Gemeinschaft? Vielleicht ist das Sterben „in der falschen Reihenfolge“ ein Liebesdienst des verstorbenen Menschen an seine Angehörigen? Vielleicht gar eine Abmachung, die die Seelen vor diesem Seelenleben getroffen haben?
Sie finden das weit hergeholt? Passt überhaupt nicht in Ihr Weltbild? Macht nichts, muss es auch nicht. Wir können sehr verschiedene Dinge glauben und trotzdem gut miteinander leben, so lange wir das Weltbild des Gegenübers akzeptieren und nicht missionieren. Ich kann Ihnen aus Erfahrung sagen, dass die Vorstellung, dass das verstorbene Kind aus Liebe zu den Eltern und Geschwistern so früh verstorben ist, den Angehörigen oft grossen Trost und eine andere Sichtweise vermitteln kann und auf diese Weise der tragischen Tatsache einen liebevollen Sinn gibt. Das kann manchmal entscheidend sein, um den Angehörigen die Kraft zu geben, weiter zu leben.
Ein Tipp: suchen Sie mit Trauernden das Gespräch, erlauben Sie ihnen über den verstorbenen Menschen zu reden. Trauernde fühlen sich oft allein gelassen, weil sich niemand getraut, sie auf ihre Trauer anzusprechen und bereit ist, diese mit ihnen zusammen auszuhalten. Uns allen ist geholfen, wenn der Tod nicht tabuisiert wird und ein wenig mehr zum Leben gehören darf. Denn er tut es, ob wir wollen oder nicht.