Ich mag Traditionen und habe schon einige erfunden.
Ein Widerspruch, finden Sie? Weil Traditionen immer schon alt sein müssen? Weil sie einen «Hintergrund» (religiös oder kulturell) haben müssen? Nun, jede Tradition wurde ja ein erstes Mal gemacht, war also mal nicht alt, sondern ganz neu.
Das Wort selber stammt vom lateinischen tradere, das „hinüber-geben“ bedeutet oder vom Substantiv traditio , das „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“ bedeutet. Es ist also etwas, das überliefert wird von einer Generation zur nächsten. Je nach Kultur wird Unterschiedliches weitergegeben. Wir nennen das auch Bräuche. Wenn wir in ein fremdes Land kommen, herrschen dort andere Bräuche, ebenso bringen Menschen aus anderen Kulturen ihre Traditionen zu uns. Je fremder man sich irgendwo fühlt, desto wichtiger werden u.U. die «alten», also bekannten Traditionen, sie vermitteln das Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit.
Oft hat jede Familie ihre eigenen Traditionen, gestalten ihre Feste auf eine ganz bestimmte Art. Die Kinder lernen von klein auf, dass das so gemacht wird. Ob sie das als Erwachsene dann weiter so machen oder andere Traditionen erfinden oder übernehmen, können sie später selbst entscheiden.
Eine der Traditionen, die ich erfunden habe, ist der Hasenkuchen an Ostern. Eine Hasen-Kuchenform, die ich in einem Laden fand, war der Ausgangspunkt. In meiner Herkunftsfamilie gab es viele Traditionen, aber keinen Hasenkuchen, es war also nichts, das ich dort mitbekam.
Seit vielen Jahren backe ich also nun einen Hasenkuchen, den wir an Ostern verzehren. Er muss immer nach dem gleichen Rezept gemacht werden, damit es ein «richtiger Hasenkuchen» ist. Und die Kuchenform wird nur an Ostern benutzt. Dieser kleine Brauch hat keinen anderen Zweck als das Gefühl hervorzurufen: so feiern wir Ostern.
Ein anderer Brauch, den ich ins Leben gerufen habe, sind Rätsel vom Osterhasen. Viele Jahre, auch als sie schon erwachsen waren, habe ich im Namen des Osterhasen für jedes Kind ein Rätsel vorbereitet, das es am Morgen als Brief von Osterhasen vorfand. Die Lösung des Rätsels gab den Hinweis, wo sich das jeweilige Osternest befand – oder, wenn der Osterhase besonders neckisch unterwegs war, fand das Kind am besagten Ort ein zweites Rätsel, das es zuerst zu lösen galt.
Seit einigen Jahren mache ich das nicht mehr und meine Kinder haben es bedauert, da es immer auch lustig war (und manchmal machte der Osterhase auch unbeabsichtigte Fehler, was zu viel Belustigung Anlass gab).
Warum ich gerade zwei Osterbräuche für diesen Blog wähle? Weil gerade Ostern sind und ich heute einen Hasenkuchen gebacken habe.
Und welche Traditionen haben Sie in Ihrem Leben, die Ihnen wichtig sind, die sie vielleicht auch selbst erfunden haben? Denn man darf das, neue Traditionen ins Leben rufen, alt werden die dann von selber, wenn sie weitergeführt werden.