Manchmal klappt es doch. 

Ein Gastbeitrag von Barabara Schaible. 

An einem Mittwoch im Mai war ich bei meiner lieben Steuerfrau, die mir die Steuererklärung ausgefüllt hatte. Es waren sogar zwei Steuererklärungen, je einen pro Gemeinde, und dazu noch alle Kopien in einer separaten Mappe.

Wie man sich vorstellen kann, für mich sehr wichtige Unterlagen. Mit diesen vielen Papieren in einer weissen Plastiktüte machte ich mich fröhlich und erleichtert auf den Heimweg.
Um in mein Dorf zu gelangen, musste ich einmal umsteigen, von einem Tram ins andere. Da das Wetter schön war, stieg ich ein paar Haltestellen früher aus, in A., und setzte mich auf eine Parkbank. Als ich nach einer Weile wieder aufstehen wollte, blieb mir fast der Atem weg. Wo war meine weisse Plastiktüte mit den Steuerunterlagen?

Das durfte doch nicht wahr sein! Wo hatte ich sie bloss liegen gelassen? Verzweifelt wartete ich, bis das Tram auf dem Rückweg wieder vorbei kam und stieg ein in der Hoffnung, meine weisse Tüte wieder zu finden. Aber da war keine Plastiktüte, weder eine weisse noch sonst eine.

Mutlos und verzweifelt ging ich nach Hause. Jetzt gab es für mich nur etwas zu tun: positiv denken, visualisieren. Ich stellte mir immer wieder vor, wie ich die Unterlagen in meinen Händen hielt und sie zur Post bringen würde. Die folgenden Tage waren eine Achterbahn der Gefühle. Wann immer ich mutlos wurde, stellte ich mir bildhaft vor, wie ich die weisse Plastiktüte in den Händen hielt und glücklich war, dass jemand sie gefunden hatte. Jeden, wirklich jeden Tag ging ich zu den verschiedenen Fundbüros und fragte nach den Unterlagen. Und jedes Mal wurde ich enttäuscht: nichts war abgegeben worden.

Nach einer Woche rief ich im Fundbüro an statt vorbei zu gehen und die nette Dame sagte mir, dass die Wahrscheinlichkeit, dass etwas nach einer Woche noch gefunden und abgegeben würde, sehr gering sei. Hoffnungslosigkeit überkam mich und doch stellte ich mir immer wieder bildlich vor, wie ich die Unterlagen in meinen Händen hielt und zur Post brachte.

Am Nachmittag desselben Tages klingelte mein Mobiltelefon und ich sah eine unbekannte Nummer auf dem Display. Ich nahm den Anruf an und hörte:
„Ja, guten Tag Frau Schaible, hier ist die Poststelle in A. Wie haben hier Steuerunterlagen von Ihnen, die eine Dame vom Kleiderladen gegenüber abgegeben hat. Sie können sie bei uns abholen kommen.“
Meine Freude und Erleichterung waren unvorstellbar gross, ein Riesenstein fiel mir vom Herzen. Wie wunderbar war denn das! Ich radelte gleich los und auf der Poststelle übergab mir die sehr nette Angestellte meine beiden Umschläge und die Kopien. Alles war noch da! Voller Freude konnte ich die Umschläge gleich aufgeben.

Es war ein wunderbares Gefühl, dass alles gut war und jemand so ehrlich und auch umsichtig gewesen war, die Papiere abzugeben und nicht einfach wegzuschmeissen. Selbstverständlich bekam die Dame im Kleiderladen einen Finderlohn – dabei musste ich sie geradezu dazu drängen, ihn anzunehmen – und die beiden zuvorkommenden Damen auf der Post erhielten als Dank je ein Säckchen Pralinés. Und ich: ich war einfach nur dankbar, dass die Geschichte ein so wunderbares Ende genommen hatte.

Dass das positive Denken und das Visualisieren mitgeholfen haben, kann ich natürlich nicht beweisen. Aber dass mich das über diese schwierige Zeit hinweg geholfen hat, das ist sicher. Und das ist ja auch schon viel!