Man muss doch informiert sein?!

Schauen Sie die Tagesschau? Haben Sie einen Newsticker abonniert? Konsumieren Sie jeden Tag so genannte Nachrichten? Warum eigentlich?

Für viele Menschen gehört es zum täglichen Ritual, manchmal gar als Erstes am Morgen, Nachrichten zu lesen, mittlerweile natürlich immer öfter auf dem Smartphone. Und wie das mit Ritualen oft ist, überlegt man sich selten, ob sie wirklich sinnvoll und zielführend sind. Dass der allergrösste Teil der so genannten Nachrichten von Unglücken, Katastrophen und Missständen handelt, ist hinlänglich erwiesen und bekannt. Dass solche Informationen nicht erheiternd oder erbaulich sind, uns nicht gut tun, liegt auf der Hand. Trotzdem wird das Ritual täglich wiederholt. Ist doch eigentlich erstaunlich oder nicht?

Auf meinen Vorschlag, den ich niedergeschlagenem Menschen oft mache, ganz auf News zu verzichten, höre ich sehr oft die Antwort: «Man muss doch informiert sein. Das geht doch nicht.»

Wissen Sie, was ich antworte? «Wenn etwas so wichtig ist, dass Sie es wissen müssen, werden Sie es schon erfahren. Da bin ich ganz sicher.»

Und der Grossteil der übrigen Nachrichten spielt für Sie direkt keine Rolle. Wem hilft es, wenn Sie von einem Busunglück in Indien erfahren, bei dem Menschen verletzt und gestorben sind? Oder dass es irgendwo eine andere Katastrophe gegeben hat, bei dem ebenfalls Menschen, Tiere oder die restliche Natur zu schaden kam? Natürlich ist das für die Betroffenen schlimm, keine Frage. Aber was hilft es den armen Menschen, wenn ich das weiss, so lange ich nicht aktiv etwas tun kann, um ihnen zu helfen? Genau: überhaupt nichts. Aber mir geht es nachher schlecht, ich bin bedrückt und habe vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht. Das hilft nun wirklich niemandem!

Aber warum ziehen uns diese negativen Nachrichten so magnetisch an? Ein Teil der Erklärung findet sich in der Biologie, in unserer genetischen «Verdrahtung.» Als Stammesmenschen war es wichtig, zu lernen, welche Beeren oder Pilze den Nachbarn krank gemacht oder gar umgebracht hatten. Das sicherte letztlich dann mein Überleben und das meiner Familie. Und wenn ich die Nachricht, dass Bären in der Nähe des Camps gesehen worden sind, nicht beachte, kann es sein, dass ich morgen tot bin. Dieser Teil ist fest in unserem Körper verankert und hat seinen Sinn, wenn es um echte Bedrohungen geht, die mich einerseits betreffen und gegen die ich andererseits auch etwas unternehmen kann.

Ein weiterer, vielleicht nicht so charmanter Aspekt, ist die Sensationslust. Wir wissen alle, dass Menschen sensationslustig sind: kaum brennt es irgendwo, hat es Gaffer, ereignet sich auf der Autobahn einen Autounfall auf der einen Seite des Mittelstreifens, fahren die Autos auf der Gegenseite langsamer, um gucken zu können. Es erübrigt sich, über die Sinnhaftigkeit dieses Verhaltens hier weiter nachzudenken.

Haben Sie schon mal überlegt, was denn die Absicht der Verfasser von Nachrichten oder der Medien sind? Natürlich, sie möchten verkaufen. Je mehr Zeitungen verkauft, je mehr Nachrichten angeklickt und angeschaut werden, desto höher die Einnahmen durch die Werbung. Trotzdem: man könnte vieles anders verpacken. Es geht nicht ums Schönreden, es geht darum, wie es verkauft wird. Und da fängt der spannende Teil an.

Haben Sie sich schon gefragt, ob der Journalist, seine Redaktion oder die Investoren ein konkretes Anliegen haben? Möchten sie, dass es Ihnen beim Lesen gut geht? Dass Sie zum Nachdenken angeregt und vielleicht zum Handeln angespornt werden? Oder möchten sie Ihnen aufzeigen, wie machtlos und jämmerlich klein Sie angesichts der dargestellten Situation sind? Ihnen also eine unerfreuliche, ja ungesunde und bedrückende Grundstimmung vermitteln?

Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, aber ich glaube daran, dass es Menschen gibt mit unlauteren Absichten, Menschen, die anderen Menschen deren Machtlosigkeit aufzeigen möchten. Einerseits schürt das Ängste und damit lässt sich Geld zu verdienen, denn ängstliche Menschen sind eher dazu geneigt, irgendetwas zu kaufen, das angeblich Sicherheit vermittelt.

Andererseits verhindert das Gefühl, machtlos und ausgeliefert zu sein, dass Menschen versuchen, etwas zu ändern, positive Initiativen starten, aktiv werden. Über ängstliche, vermeintlich ausgelieferte Menschen Macht auszuüben, ist viel einfacher als über Menschen, die im Vertrauen leben und mitgestalten möchten. Und Macht über Menschen zu haben, war immer schon ein Ziel von einigen Menschen. Dass man zusammen viel mehr Macht im Sinne von englischen «power» ausüben kann, steht nicht auf deren Agenda. Negative Nachrichten lähmen und lassen verzweifeln. Das ist letztlich auf lange Sicht ungesund.

Ich schlage Ihnen den Selbstversuch «News-Röntgen» vor: sollten Sie zu denjenigen gehören, die in irgendeiner Form Nachrichten konsumieren, dann halten Sie während des Lesens/Schauens/Hörens zwischendurch immer wieder inne und fragen Sie sich: was will der Verfasser dieser Nachricht erreichen? Geht es um sachliche, neutrale Vermittlung von Informationen? Welche Emotionen möchte er oder sie vermitteln? Ist das etwas, das mich anregt, allenfalls sogar den Wunsch aufkommen lässt, tätig zu werden? Oder geht es darum «doom and gloom», also Ausgeliefertsein und Hoffnungslosigkeit, zu verbreiten? Achten Sie darauf, was mit Ihren Gefühlen passiert, wenn Sie die Nachricht in sich aufnehmen. Und dann entscheiden Sie selbst, wie viel Sie davon Sie sich antun möchten.

Sie wissen ja: Sie müssen die Welt nicht so sehen wie ich, mit meinen Texten nicht eiverstanden sein. Trotzdem: machen Sie mal den Selbstversuch «Newsröntgen» und schauen Sie, was Sie dabei entdecken. Und sollten Sie richtig mutig sein, dann machen Sie für 3 Wochen eine «News-Diät» und verzichten Sie auf alle Nachrichten auf allen Kanälen.

Seien Sie versichert: alles, was Sie wirklich wissen müssen, werden Sie schon erfahren!