Die Kunst des Loslassens – eine Anleitung.
Gestern sass ich im Tram in der Bank vor zwei jungen Frauen, wahrscheinlich waren sie noch keine 20. Die eine, ich nenne sie hier Isa, erzählte der anderen, wie sie einer dritten, die Zora hiess, zu einem Konzert eingeladen hatte und die ihr nicht mal angeboten hatte, ihr ein Getränk zu bezahlen. Und wie sie mit Zora ein Treffen abgemacht hatte, das diese eine halbe Stunde vorher absagte, da sie angeblich in die Physiotherapie musste – und hinterher ihr dann sagte, sie sei bei ihrem neuen Freund Dennis gewesen. Und wie sie Zora dies und jenes bezahlt habe, ohne einen Dank erhalten zu haben oder auch nur den Versuch, ihr zum Ausgleich etwas anzubieten. Dabei würde Zora viel Geld haben, obwohl sie noch zur Schule ginge, und sie selbst habe wenig, da sie in der Lehre sei.
Das war jetzt die Kurzfassung, es ging einiges länger. In der Annahme, dass das so ist, wie sie erzählte, war ich sehr versucht mich umzudrehen und zu fragen: «Warum machen Sie es denn?» Aber ich habe es nicht gemacht. Warum? Sie hat mich nicht um einen Ratschlag gebeten, ja nicht mal mir das Ganze erzählt, sondern ihrer Freundin. Ich habe nur gelauscht, zwar ohne mich anstrengen zu müssen, aber letztlich war es nicht für die Öffentlichkeit gedacht.
Im Nachgang habe ich mir Gedanken zum Thema loslassen gemacht. Offensichtlich fällt es uns manchmal schwer, einen Menschen oder ein Verhalten loszulassen. Auch wenn klar ist, dass ich mich dabei nicht gut fühle oder gar immer schlechter, bleibe ich dabei. So wie Isa Zora weiterhin einlädt und ihr Sachen zahlt und erst noch belogen wird. Dabei ist es von aussen betrachtet klar: halt dich wenigstens eine Weile von Zora fern, höre auf sie einzuladen und wenn dir etwas an der Beziehung liegt, dann sage ihr was für dich nicht stimmt. Dann wird sich zeigen, ob noch etwas zu retten ist oder nicht.
Was ist denn eine wirksame Vorgehensweise, um etwas loszulassen? Hier ist ein «Rezept», was Sie machen können, wenn Sie sich über jemanden oder etwas ärgern. Ich empfehle Ihnen, das schriftlich zu machen, es ist viel wirksamer. Vielleicht, oder besser: hoffentlich! haben Sie ein Schreibheft oder -buch, in welches Sie jeweils Ihre Gedanken aufschreiben. Holen Sie das hervor und stellen Sie sicher, dass Sie jetzt 15-20 Minuten ungestört sind (also auch das Mobiltelefon auf Flugmodus stellen!)
Falls es mehrere Menschen oder Dinge, eigene Verhaltensweisen oder anderes gibt, worüber Sie sich ärgern, dann schreiben Sie erst mal alle untereinander auf. Danach gehen Sie die Liste durch und entscheiden, was Sie zuerst loslassen möchten. Was ärgert Sie am meisten? Sie können gerne die übrigen nach Wichtigkeit durchnummerieren und entweder heute oder zu einem späteren Zeitpunkt mit dem gleichen Vorgehen bearbeiten.
Schritt 1: Was nehme ich der Person übel? Worüber ärgere ich mich? Im Fall der jungen Frau im Tram, um beim Beispiel zu bleiben: Ich ärgere mich, dass Zora sich von mir alles bezahlen lässt, sich fast nie bedankt und auch nicht versucht, mir etwas zurück zu geben. Und ich ärgere mich über mich, dass ich schon so viel Geld für sie ausgegeben habe.
Schritt 2: Was ist mein Anteil am Ganzen? Wie trage oder trug ich zu der Situation bei?
Bei Isa könnte das so klingen: Ich meine ich müsse immer geben. Auch wenn ich gar nicht darum gebeten wurde. Ich habe ihr auch nie gesagt, dass das für mich viel Geld ist und ich nicht so viel für Vergnügen zur Verfügung habe. Als sie mich wegen Dennis anlog, habe ich ihr zwar gesagt, dass das nicht ok ist. Aber ich habe nicht gesagt, dass mich die Unehrlichkeit verletzt hat und dass ich Menschen, die das machen, nicht in meinem Leben haben will.
- Was habe ich gelernt? Was war meine Lektion aus dieser Situation?
Bei Isa: Wenn ich nicht sage, wie es mir dabei geht, ändert sich nichts. Mir ist es wichtig, dass das, was ich für jemanden tue, auch geschätzt wird. Und eigentlich habe ich gar nicht so viel Geld, dass ich teure Geschenke machen kann. Am Ende des Monats bin ich sonst die, die gar nichts mehr hat.
- Was werde ich in Zukunft immer machen? Und was werde ich in Zukunft nie mehr machen?
Isa könnte das schreiben: Ich werde mir immer überlegen, warum ich diese Person jetzt einladen möchte und ob das wirklich so stimmt für mich. Sollte ich merken, dass ich mir die Zuneigung von jemandem «erkaufen» will, dann werde ich mir ernsthaft Gedanken darüber machen, warum das so ist. Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Geschenke gar nicht wertgeschätzt werden, werde ich das mit der Person ansprechen. Wenn ich nichts sage, kann sie unter Umständen nicht wissen, wie ich es empfinde. Ich werde selbst darauf achten, mich immer zu bedanken, wenn mir etwas geschenkt wird. Zwar glaube ich, dass ich das tue, aber nun werde ich bewusst darauf achten. Und ich werde mir ein Budget machen und bedacht sein, den Teil für Vergnügungen nicht zu überziehen.
- Was kann ich nun loslassen und die Situation so annehmen, wie sie ist?
Bei Isa könnte das so aussehen: Zora ist wie sie ist. Ich habe ihr freiwillig Geschenke gemacht. Und ich habe ihr nie gesagt, was ihr Verhalten in mir auslöst. Das kann ich nicht ändern. Und von jetzt an werde ich es anders machen.
Falls Sie etwas haben, dass Sie loslassen möchten, dann versuchen Sie es doch mit diesen 5 Schritten. Ja, es ist Arbeit und ja, es ist unbequem, da wir dabei auch unseren eigenen Anteil an der Situation anschauen müssen. Nur: ohne das geht es nicht, denn wir haben immer einen Anteil an einer Situation, in der wir uns befinden oder befanden. Immer. Und dort liegt das Gold, das Geschenk, das wir von dieser Lektion erhalten. Was will ich bei mir und an meinem Verhalten ändern? Das ist Gold!
Wenn Sie den Prozess machen, dann freue ich mich über Erfahrungsberichte an meine Emailadresse: annie@anniesandberg.com