Heute gibt es zur Abwechslung einen kleinen Krimi zum Mitmachen und Mitdenken:

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in Ihrem Wohnquartier spazieren, vielleicht mit einem Hund, wenn Sie einen haben. Vor Ihnen geht etwa 40 m von Ihnen entfernt eine ältere Frau, ihre Erscheinung ist unauffällig. Plötzlich bleibt die Frau stehen, schaut sich ganz kurz um und nimmt dann etwas aus ihrer Manteltasche. Damit macht sie einen Kratzer entlang der ganzen Seite des Autos, das neben ihr steht. Dann steckt sie den Gegenstand wieder in die Tasche und geht weiter zum Hauseingang der Überbauung, wo sie wohnt.

Was machen Sie? Rufen Sie ihr etwas zu? Laufen Sie ihr nach? Melden Sie es der Polizei? Oder machen Sie gar nichts?

Überlegen Sie wie Sie handeln würden, bevor Sie weiterlesen.

Der Spaziergänger entscheidet sich dafür, die Autonummer aufzuschreiben und den Vorfall der Polizei zu melden. Diese machen den Halter des Autos ausfindig, ein Familienvater mit zwei kleinen Kindern, ein normaler, anständiger Bürger, wie man so sagt. Er hat eine geregelte Arbeit, zahlt seine Steuern und macht auch sonst keinen Ärger. Er weiss, wer die Frau ist, die den Kratzer gemacht hat, denn er wohnt in der gleichen Überbauung.

Und, was würden Sie an Stelle des Autobesitzes tun? Würden Sie Anzeige erstatten gegen die Frau? Würden Sie das Gespräch suchen? Würden Sie sich heimlich an ihr rächen? Oder würden Sie nichts tun?

Überlegen Sie wieder, wie Sie handeln würden, bevor Sie weiterlesen.

Ein paar zusätzliche Informationen: es ist in der ganzen Überbauung bekannt, dass die Frau, die das Auto zerkratzt hat, Kinder nicht mag. Es kommt vor, dass sie von ihrem Fenster aus kleine Kinder anblafft, die auf dem kleinen Spielplatz vor der Überbauung spielen. Ob sie überhaupt Menschen mag, ist nicht bekannt. Eine weitere Info: der Besitzer des zerkratzen Autos und seine Frau stammen aus einem anderen Land, auch wenn man ihnen das nicht auf den ersten Blick ansieht. Ihr Familienname jedoch ist nicht schweizerisch.

Falls Sie gedacht haben: «Er soll es doch der Verwaltung melden», muss ich Sie enttäuschen, das geht nicht. Denn ein letztes Fakt: die Wohnungen in dieser Überbauung sind Eigentum, es gibt also keine vermietende Verwaltung.

Ja, was nun? Ändern diese Fakten Ihr Verhalten? Was würden Sie in der Rolle des Familienvaters tun?

Überlegen Sie wieder, wie Sie handeln würden, bevor Sie weiterlesen.

Ich weiss nicht, was der Autobesitzer gemacht hat. Was ich weiss ist, dass sich diese Geschichte kürzlich in der Nähe meines Wohnortes so zugetragen hat. Und sie hat mich beschäftigt, obwohl ich den Halter des Fahrzeugs nicht kenne (aber Bekannte von ihm). Wie viel Unzufriedenheit, Hass, ja kriminelle Energie muss in dieser Frau vorhanden sein, dass sie so etwas tut? Und wozu? Um der Familie finanziell zu schaden?  Um ihnen Angst zu machen? Weil ihr langweilig ist? Weil sie Ausländer hasst? Erst echt noch, wenn diese Ausländer Kinder haben?

Ich habe keine Antwort gefunden, die ich auch nur halbwegs erklärend oder befriedigend fand. Ich finde die ganze Geschichte nur sehr traurig. Es kann schwierig genug sein, als Ausländer und Ausländerin in diesem Land zu leben, das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung bestätigen. Solche Begebenheiten sind zwar nicht an der Tagesordnung, aber sie kommen eben schon vor, ebenso wie mehr oder weniger subtile Anfeindungen oder Benachteiligungen.

Warum mache ich darüber einen Blog? Einerseits, weil es mich beschäftigt hat und andererseits, weil es mir wichtig ist, dass wir sorgsam miteinander umgehen.

Es gibt nur eine Menschheit und die Seele hat keine Farbe und keine Sprachenvielfalt, die sie von anderen Seelen unterscheidet.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen ein offenes Herz für alle, egal woher sie kommen oder wie sie aussehen. Nur so wird die Welt friedlicher und damit besser.