Wozu ist Kunst gut? Brauchen wir das? Brauche ich das? Mal ehrlich, haben Sie sich diese Fragen auch schon mal gestellt? Wie immer kann ich nur meine Sichtweise wiedergeben im Wissen, dass man Kunst auch ganz anders sehen kann.
Letzte Woche war ich im Zentrum Paul Klee in Bern (www.zpk.org) und habe mir die Ausstellung von Monika Sosnowska (*1972) angesehen. Sie macht grosse bis sehr grosse Skulpturen, Objekte und Installationen, dabei geht sie von im Alltag benutzten Materialien und Strukturen aus wie zum Beispiel Handläufe, Fenstergitter und ähnliches.
Was mich fast noch mehr fasziniert hat als die sehr großen Objekte waren die Modelle, die sie für ihre Kunstwerke jeweils anfertigt. Insbesondere eines, das Modell eines Raumes mit einem Boden aus unebenen Flächen und ebensolchen Wänden und Decke sowie einer nicht rechtwinkligen Türe hat es mir angetan. Sie sehen das Modell oben auf dem Foto zu diesem Blog.
Dieser Raum ist so anders als unsere üblichen Räume mit ihren 90 Grad-Winkeln an allen Ecken, wirkt auf den ersten Blick irritierend. Und klar, natürlich kommt da mein Ärztinnen-Gehirn und sagt: so ein unebener Boden ist eine Stolperfalle. Stimmt ja auch. Nur das greift zu kurz. Denn andere Dinge, wie zum Beispiel diese Türe, die so schräg in der Landschaft steht, könnte man in der realen Welt tatsächlich ohne Bedenken einbauen. Dieser Raum geht so gegen unsere Sehgewohnheiten, dass wir ihn seltsam finden. Dabei sind das Seltsame daran eigentlich nur unsere Sehgewohnheiten. Wir sind Gewohnheitswesen. Natürlich gibt und gab es schon andere Arten zu bauen als die übliche rechtwinklige. So zum Beispiel die Formen, die Rudolf Steiner (1861-1925) in seiner anthroposophischen Bewegung eingeführt hat, oder die Häuser von Richard Buckminster Fuller (1895-1983), die «geodesic domes», die kugelförmig sind.
Oder die vielfältigen Hütten und Häuser in vielen anderen Kulturen als unserer westlichen.
Trotzdem, das Vorherrschende in unseren hiesigen Gebäuden ist eindeutig der rechte Winkel. Und das wiederum ist lediglich einerseits eine Konvention und andererseits ein Zugeständnis an die dadurch entstehende erhebliche Vereinfachung des Bauens.
Aber vielleicht trägt es auch zu einer Verarmung und Verflachung unserer Sinne bei? Wie wäre es, wenn wir plötzlich nicht überall eine ebene Decke hätten, sondern eine irgendwie geometrisch verformte? Oder eben, eine schräge Türe.
Sie merken schon, die hat es mir angetan. Wahrscheinlich wären wir am Anfang irritiert oder verunsichert, würden uns aber schnell daran gewöhnen, dass da etwas «anders» ist und das wäre danach ein Teil unserer Normalität. Das ist eine der grossartigen Fähigkeiten von uns Menschen (natürlich auch von anderen Lebewesen), dass wir uns an Neues gewöhnen können.
Indem wir uns an Neues gewöhnen, unsere Sichtweise anpassen, verändern wir uns und entwickeln uns weiter.
Kunst kann dabei einen wunderbaren Anstoss liefern, die Welt anders zu sehen. Dabei geht es nicht darum, ob mir das gefällt oder nicht, das ist eine ganz andere Thematik, es geht darum, mit anderen Augen zu sehen, sich von der Künstlerin oder dem Künstler verführen zu lassen, neu zu denken. Das ist Horizonterweiterung. Und davon können wir, das ist meine tiefe Überzeugung, nicht genug kriegen. Je offener wir sind für andere Sichtweisen, desto beweglicher, interessanter und letztlich lebenswerter wird unser Leben.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie ganz viele neue Anstösse bekommen, wie Sie die Welt sehen und so Ihren Horizont erweitern können.